Manchmal hat man einen sehr langen Weg vor sich! Niederrhein – Paris I

So darf man es nicht machen, lässt Michael Ende den lebensklugen Beppo sagen. Und deshalb gehen wir am Neujahrstag nicht den ganzen Weg vom Niederrhein nach Paris. Sondern nur einen ersten Abschnitt. Bis kurz hinter Wachtendonk. Etwas mehr als zwanzig Kilometer.

Heimaterlebnis

Atemzug – Schritt – Gucken – Atemzug – Schritt – Gucken. Vielleicht denkt jemand, das mit dem Gucken kann man sich beim Start an der Haustüre sparen. Nah liegt dieser Gedanke, aber die Realität ist anders. Obwohl ich die ersten zwei Kilometer jeden Tag mit Balou laufe, machen die Neujahrssonne und die Aufbruchstimmung die alltägliche Landschaft zu einem Erlebnis. Die eiszeitliche Gletscher-Endmoräne hinter unserem Haus ist nicht etwa ein lästiges Hindernis, sondern eine angenehme Einstimmung für Kreislauf und Waden. Die zwei Bussarde, die über dem kleinen Fichtenwäldchen auf der Hügelkuppe kreisen und uns mit ihren Rufen im Jahr 2022 begrüßen, passen prima zu winterlich grün-braunen Feldern und milchig blauem Himmel.

Vorüberlegungen

Es war die Idee meiner Tochter, und ich war mir zuerst nicht sicher, ob ich sie gut finden sollte. In meinem Alter nach Paris laufen? Wie lässt sich diese Strecke planen? Gibt es immer im Abstand von etwa 20 Kilometern Zeltplätze? Lässt sich die Motivation von Hund, Tochter und mir selbst über diesen Zeitraum aufrechterhalten? Ehrlich gesagt, noch weiß ich es nicht. Aber wir haben Paris ins Auge gefasst und wollen die Strecke in vier Tagesetappen, zwei Wochenetappen und einer zweieinhalbwöchigen Schlussetappe gehen.

Entdeckungen

Hätte es für den Start dieses Vorhabens ein besseres Datum als den Neujahrstag geben können? Wahrscheinlich nicht, und jetzt sind es ja auch nur noch 28 Etappen. Bei Komoot hatte ich hinterlegt, dass wir auf Wegen bleiben möchten, möglichst Straßen vermeiden wollen und eine gute Grundkondition haben. Ungefähr 540 Kilometer hat Komoot dann ausgerechnet und in Sekundenschnelle eine passende Strecke vorgeschlagen. Der erste Abschnitt ab der Haustüre war die Teststrecke. An einer Stelle hatte ich den Routenvorschlag leicht verändert und ansonsten Komoot vertraut. Und das hat sich bewährt. Denn an der Wegekreuzung, an der ich sonst mit Balou immer links abbiege und wir jetzt geradeaus gelaufen sind, haben wir Neuland betreten. Eine Alpacka-Farm, ein alternatives Holzhaus, eine Kapelle, ein besonders gepflegter Vorgarten, der Feldweg durch die Äcker, das sieht alles ganz anders aus als distanziert durch Autoscheiben. Schon vor Aldekerk bereits in die Entdeckerrolle zu schlüpfen, damit hätte ich nicht gerechnet. Während in Aldekerk noch der Gedanke aufkommt, was wir wohl für ein Bild abgeben mit unserer für den Niederrhein eher unüblichen Wanderausrüstung, ist dieses Fremdeln hinter Alderkerk schnell erledigt.

Niederrhein

Links und rechts der Route wechseln sich Kiefer- und Mischwaldparzellen ab mit Äckern, kleinen Gehöften und landwirtschaftlichen Großbetrieben. Die Luft ist klar, der Weg zwar gerade und manchmal auch asphaltiert aber selten motorisiert befahren. So kann das gerne weitergehen.

Der denkmalgeschützte Ortskern von Wachtendonk ist nett anzusehen. Ein schmaler Weg führt ortsauswärts über die Niers und durch ein kleines parkähnliches Waldstück mit der Ruine der Burg Wachtendonk. Immer wieder kommen wir an ehemaligen Bruchgebieten vorbei, durch die sich kleine Entwässerungsgräben ziehen. Viele dieser Parzellen sind inzwischen sich selbst überlassen, so dass sich die Natur Stück für Stück das zurückholt, was wir ihr im Optimierungswahn genommen haben. Unter einer Schwarzerle höre ich ein derart markantes Summen, dass es mich aus meinem Wandertrott in die Realität holt. Zuerst will ich es nicht glauben, aber die Erle steht in voller Blüte und Honigbienen holen sich am ersten Januar ihre erste Mahlzeit des Jahres 2022. Vor vielen Jahren auf der Ländermeile zum Deutschen Nationalfeiertag in Düsseldorf meinte eine Besucherin mit deutlich negativem Unterton, dieses NRW, das sei doch ein seltsam-hässliches Land. Daran erinnere ich mich jetzt und wundere mich, zu welch entstellenden Vorurteilen die Oberflächlichkeit führt. Jenseits aller Werbebotschaften und mit einem Haufen Wandererfahrungen im Rucksack muss ich sagen: es lohnt sich, den Niederrhein zu erwandern.

Erkenntnis

Dass ich jetzt mit Tochter und Hund tatsächlich die erste von insgesamt 29 Wander-Etappen auf unserem Weg nach Paris mache, ist mehr als eine große Herausforderung; es ist vor allem eine einzigartige Chance. Und das ist bestimmt mehr als die Summe von Neujahrswünschen und -vorsätzen.

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