Boppard: über den Hirschkopf und die Elfenlay

Boppard, die Rheinschleifen-Stadt. Zugegeben, das klingt nicht gut, verdeutlicht aber die Lage. Mehr Emotionen löst sicher die Rheinromantik aus, die im Namen der Stadt mitschwingt. Wer dort war, der hat historische Gassen, Stadtmauer, Fachwerk und die markanten Zwillingstürme von St. Severus vor Augen. 

Und wegen der Augen bin ich nach Boppard gefahren. Denn in der Binger Gasse gibt es den Optiker Holz, der einem ehrwürdigen Zunftkodex entsprungen sein könnte. In der Kulisse der Alten Synagoge bietet er Historisches, Nostalgisches, Extravagantes, Hippes und Skurriles. Ein Meister seines Fachs. Dafür nehme ich die zweihundert Kilometer Anreise auf mich.

Die Wartezeit in Boppard überbrücke ich mit einer Wanderung. Ein längerer Aufenthalt in der Bopparder Altstadt scheidet nicht nur wegen des Corona-Lockdowns aus. Mich schreckt die Patina des Siebziger-Jahre-Tourismus, die sich am Mittelrhein leider hartnäckig einer Sanierung mit Sinn und Verstand und Stil und Qualität widersetzt: das Schicksal vieler Orte an Rhein und Mosel, die sich den einfallenden Kegelclubs nicht zu widersetzen vermochten und im Angebot von Nippes, schnellen Speisen und süffigen Getränken ihr finanzielles Heil suchten. Auslagen, Anbauten, Sichtschutz, Terrassendächer, Einfassungen und Möblierungen sprechen eine beredte Sprache des Verfalls von Geschmack und jetzt auch Material.

Elfenlay

Zum Glück habe ich bei Outdooractive einen verheißungsvollen Track gefunden. Gegen den Uhrzeigersinn, wie die örtlichen Ordnungshüter als Coronaschutzmaßnahme verfügt haben, führt er mich mit einem schweißtreibenden und felsigen Anstieg schnell aus dem Tal heraus. Und in dem Maße wie die Stadt kleiner, der Verkehrslärm leiser und der Blick weiter wird, kann ich die Natur um mich herum wahrnehmen und genießen. 

Der steile Anstieg auf den Hirschkopf unterhalb der Seilbahn hat fast alpinen Charakter und gibt den Beinmuskeln gleich zu Beginn die nötigen Impulse. Der Rhein, die kleinen Ortschaften, die sanften Hügel und einige Weinlagen – dieses Panorama ist bei herrlichem Frühlingswetter einfach grandios. Besser kann das nicht sein, zumal ich hier mehr oder weniger allein unterwegs bin.

Und doch beeinflusst die blaue Seilbahn, die mich während des schönen Anstiegs begleitet, die Gedanken. Also sinniere ich über das Freizeitverhalten in und nach den Wirtschaftswunderjahren: wenig körperliche Anstrengung, reichlich Nikotin, zu viel Bier, fettige Speisen, Kaffeekännchen und Sahnetorten gepaart mit lautstarker Geselligkeit müssen wohl der Gradmesser für einen gelungenen Sonntagsausflug in die Natur gewesen sein. Ein wenig Mitleid habe ich mit dem Ausflugslokal am Gedeonseck, das die Wohlstandsinvasionen über sich ergehen lassen musste und dessen wunderschöne Aussicht wohl allzu oft von diesem Oeuvre umnebelt war. Jetzt ist es wegen der Pandemie geschlossen. So kann ich einen unvernebelten Blick auf das wunderschöne Rheintal genießen.

Nach einigen Kehren sind Seilbahn, Gebäude und befahrbare Wege verschwunden. Fast hätte ich wegen des noch dicht liegenden Herbstlaubs sogar den schmalen Pfad übersehen, der sich nun zwischen Krüppeleichen und Gestein schlängelt. Sobald der Weg die sonnenbeschienene Südseite des Berges passiert, lege ich eine Rast ein. Gut eine halbe Stunde sitze ich auf einem Felsen am Wanderweg und genieße mein Wanderfrühstück, die Einsamkeit und den Blick in das Mühltal.

Anfang April tragen die Bäume noch kein Laub. Und da der Pfad häufig einer Kammlage folgt, genieße ich die aussichtsreichste Mittelgebirgstour meines Wanderlebens. Zu recht darf man hier von Pfad sprechen, da nur geringe Anteile der Strecke über Forstwege verlaufen. Kurz vor den Teufelsbrüchen, in denen ich bezeichnenderweise zwei Schwarzspechte beobachten kann, versperren einige entwurzelte Fichten den Pfad und betonen die urwüchsige Atmosphäre.

Saftiges Moos, frisch sprießende Gräser, Vogelstimmen und das Plätschern von Wasser sind die treuen Begleiter dieser Frühlingswanderung. Der Mühltalbach und viele kleine Wasserläufe verleihen dem Weg mit ihrem fröhlichen Klang und silbrigen Lichteffekten etwas Beschwingtes.

Das lässt den Unmut über die waghalsige Performance eines plötzlich auftauchenden Mountainbikers schnell vergessen. Zur endgültigen Entspannung gibt es schließlich eine perfekt positionierte Bank oberhalb der Hunsrückbahn in der wärmenden Frühlingssonne.

Einblick

Kilometer für Kilometer schlängelt sich der Pfad durch den Mischwald, um auf der Schlussetappe unvermittelt noch einmal steil bergauf und aus dem Wald herauszuführen. Die Versuchung ist groß, einfach weiter geradeaus zu gehen, denn nur wenige Meter vor mir steigen zwei Wanderer von der Extratour ab und treffen wieder auf meinen Pfad. Ich widerstehe der Versuchung und gehe den Umweg. Belohnt werde ich durch schöne Aussichten auf Boppard und das Rheintal, beschwert durch die kleingarten-ähnliche Besiedlung rechts und links des Weges, die die Landschaft durch Zäune, Planen und allerlei Baumarktmaterialen verschandelt. 

Der sonnige Abstieg nach Boppard ist ein schöner Ausklang einer sehr schönen Wanderung. Seltsame Müllablagerungen am Hang und Einblicke in manche geschmack- und lieblos gestaltete Gärten lassen zwar über Bürde und Eskapaden der Zivilisation nachdenken, können aber den Gesamteindruck der Elfenlay erweitert um die Hirschkopfschleife (ca. 15 Kilometer und 830 Metern bergauf) nicht schmälern.

Rechtzeitig vor Geschäftsschluss bin ich bei meinem Optiker in der Binger Gasse und fahre dank der neuen Gläser in meiner Hindenburgbrille mit klarer Sicht wieder nach Hause.

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